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Blick in die „Werkstatt“ eines zeitgenössischen Komponisten: Giordano Bruno do Nascimento  stellt seine Kammeroper „Lucie“ vor

 

Musikunterricht am Puls der Zeit:  Der Komponist, Sänger, Songwriter gibt Schülern Einblick in seine Arbeit

 

Der aus Brasilien stammende und in Weimar lebende junge Komponist Giordano Bruno do Nascimento hat keine Berührungsängste mit dem Publikum und auch nicht mit Jugendlichen. Auf Einladung von Oberstudienrätin Beate Moritz-Mayer stellte er in der Friedrich-August-Genth-Schule zwei Klassen seine Kammeroper „Lucie“ vor.

 

Das  zweiaktige Werk widmet sich einem aktuellen Thema, der Zwangsheirat Minderjähriger. Basis des vom Komponisten selbst verfassten Librettos sind zwei reale „Fälle“: 2013 wurde eher beiläufig in den Medien vom Verkauf eines achtjährigen Mädchens aus dem Jemen für eine Hochzeit berichtet. Dies ist eine gängige Praxis, um die Armut der Familien zu mildern, nicht nur im Jemen. Das Mädchen starb jedoch in der Hochzeitsnacht. Mehr als ein Jahrhundert zuvor verschwand in Berlin die achtjährige Lucie. Sie wurde später tot aufgefunden.

 

In der Oper begegnen sich nun die beiden Mädchen im Jenseits, beide aus verschiedenen Kulturkreisen und Jahrhunderten, aber verbunden durch ihre Erfahrung körperlicher Gewalt. Der „Geist“ Lucie, eine Rolle für eine Altstimme, hilft Rawan (Sopran) sich ihrer Erinnerung zu stellen. Am Schluss teilt sie Rawan mit, dass deren Vater (Bassbariton) den Verkauf bereut und ihr Mann Ahmed (Bariton) mit ihm trauert. Ungeschehen machen oder entschuldigen lässt sich dadurch nichts mehr, aber die Oper endet sozusagen mit einem Appell an Verantwortliche, diese Gepflogenheiten zu durchbrechen. Das Argument, es sei schon immer so gewesen, das fordere nun mal die Tradition, kann angesichts der Folgen für die Opfer kein wirkliches Gewicht haben.

 

Dass zeitgenössische Musik nur etwas für Spezialisten sei und für andere zwangsläufig unverständlich bleiben müsse, konnte spätestens hier als Vorurteil entlarvt werden. Zum Einstieg erläuterte der Musiker in einem Kurzabriss die Entwicklung der Harmonik im Laufe der Musikgeschichte. Sein eigenes Werk ist freitonal konzipiert und somit für das ungeübte Ohr eventuell ungewohnt. Doch die Schüler ließen sich aufmerksam auf die Atmosphäre der Musik ein und benannten treffend ihren Höreindruck.

 

In einer Zeit, wo man jeden Abend Gewaltthemen durch die Medien flimmern sieht und man die zahlreichen Mordopfer der Serien, die dort zur Unterhaltung der Zuschauer sterben, nicht mehr zählen kann, berührt diese Musik, weil sie mit großer Einfühlsamkeit und Intensität unmittelbar aus der seelischen Perspektive der beiden Mädchen spricht, ohne Sensationsgier, ohne Voyeurismus,  aber auch ohne zu verharmlosen. Indem die Orchestermitglieder gegen Ende des ersten Aktes mitsingen, stellen sie das Weinen der zahlreichen Kinder dar, die ein ähnliches Schicksal erlitten.

 

So erhaschten die Schüler quasi einen Blick in die Werkstatt des Komponisten, wird doch die Oper erst am 22. November im Studiotheater Belvedere Weimar uraufgeführt. Dabei ist „Lucie“ kein ästhetisches Kokettieren mit neuen Tabubrüchen, sondern ein mutiger, ein notwendiger Kommentar und Kunst, die auf gesellschaftliche Missstände antwortet. 

 

Besonders spannend für die Schüler war, dass do Nascimento in mehreren musikalischen Welten zuhause ist: Der klassisch ausgebildete Sänger und Komponist ist auch Songwriter seiner Metalband „Minor Effect“. Was auf den ersten Blick so gegensätzlich scheint, sind für den Musiker eher zwei Seiten einer Medaille. Schon seine optische Erscheinung stellt jedes Klischeedenken infrage. Dazu passte, als der Komponist auf Nachfrage der Schüler erzählte, dass er mit neun Jahren begonnen hat zu komponieren und zwar klassisch, für Orchester! Erst seine Mutter weckte seine Begeisterung für Metalmusik.

Folgendes konnte auch den Schülern durch diesen Besuch deutlich werden: „Klassische Musik“ kann jenseits von der Rezeption als „erhabenes Wohlfühlbildungsgut“ in jeder Zeit seelische Realitäten in ästhetischer Form intensiv erfassen, sogenannte „populäre Musik“ mehr als „chilliges Lebensgefühl und Mitwippen“ erzeugen. So verwundert nicht, dass dieser Einblick in die Welt der „Neuen Musik“ mit der Frage der Schüler endete: „Wann kommt er wieder?“